Erste Wendelsteinexpedition

Bayrischzell: Tausende Berghungrige steigen im Sommer auf den Wendelstein und genießen die grandiose Aussicht. Den Blick bis zum Hauptalpenkamm auf der einen Seite und hinaus ins weite Land auf der anderen.
Vor 200 Jahren war der Wendelstein noch kaum bestiegen. Die ersten Tourenberichte klingen so spektakulär wie von einer Himalajaexpedition.
Es war der Landeskundler Lorenz von Westenrieder, der sich im August 1780 mit Münchner Kameraden und zwei heimischen Bergführern aufmachte, den „wilden Wendelstein“ zu besteigen. Um fünf Uhr früh begann die „große“ Expedition, und es ist dem alten Bericht eine tiefe Ehrfurcht anzumerken und eine Angst vor der wilden Bergnatur, in die sich damals nur wenige trauten.
„Bald wurden die Anhöhen immer wilder und einsamer, und es wurde mir teuer, ein Geschöpf menschlicher Art zu erblicken. Wir sahen das letzte Mal zurück und hinab in rauchende Täler.“ Keuchend stiegen Westenrieder und seine Begleiter aufwärts, tief beeindruckt vom Blick ins Tal, das Schritt für Schritt tiefer lag. Wo heute hunderte Familien wandern, sah sich die Expedition wildester Berggefahr ausgesetzt, denn Wanderwege gab es damals noch nicht. „Auf einem engen, schlüpfrigen Pfad begegnete uns ein Esel, über und über beladen. Uns ward hier schon das Gehen eine mühsame Arbeit. Das geringste Steinchen, das unter unsern Füßen sich losgemacht, verursachte ein großes Getöse.“
Nach sechs Stunden erreichte die Expedition eine Almhütte, wo sich die gelehrten Männer aus der Stadt stärken konnten und ihre Nerven beruhigten. Doch dann wurde es erst richtig aufregend: „Gegenüber sahen wir den Wendelstein, den höchsten Felsen in ganz Bayern. An einer ganz steilen Stelle seiner beinahe senkrechten Wand entdeckten wir mit Hilfe des Fernglases einige Gemsböcke, und es war so steil und so fürchterlich, dass ich die Augen wegwenden musste“.
Doch es half alles nichts, die Herren waren aus München angereist, um genau diesen Felsen zu besteigen. Die Tritte wurden noch schmäler, der Abgrund noch tiefer, und die Stadtmenschen bekamen gehörig Angst: „Wer da hinabfiele, würde zerrissen werden“. Zuerst wollte sich keiner der Herren Müdigkeit oder Angst anmerken lassen, bis schließlich zweien so schwindlig wurde, dass sie umkehrten. Westenrieder aber biss sich durch und stieg seinen zwei Bergführern nach.
Dafür wurde er reichlich belohnt. Am Gipfel geriet er völlig aus dem Häuschen und fing sofort an euphorisch in sein Tagebuch zu schreiben: „Ich bin noch am Leben, denn ich schreibe, wenngleich an einem Ort, wo noch keines Menschen Hand geschrieben, vielleicht keine mehr schreiben wird“.
Freilich konnte Lorenz Westenrieder 1780 nicht ahnen, dass 130 Jahre später eine Zahnradbahn zehntausende Gäste direkt unterm Gipfel ausspucken würde. Westenrieder war beeindruckt wie ein Everestbesteiger. „Herrlich, herrlich und groß ist die Welt, und groß ist ihr Schöpfer. Wer nie daran gedacht hat, denkt hier daran. Wie tief ist unter mir, was vor einigen Stunden noch so hoch über mir war! Voll Licht und Schnee steigen Berge empor und empor, noch höher und immer höher, Alpen auf Alpen! Herrlich! Herrlich! Nie saß ein König auf einem prächtigeren Thron, als ich hier sitze, ich, auch ein Erdenkönig – ein Mensch!“.
Dieses Schwärmen ist nach über 200 Jahren noch immer herrlich zu lesen und durchaus nachvollziehbar. Der Wendelstein ist mit seiner exponierten Lage am Alpenrand ein großartiger Aussichtsberg. Wenn auch heutige Wanderer etwas abgeklärter sind, so verbindet sie eines sicher mit Lorenz Westenrieder. <del> </del>Das, was jeden Sommer tausende auf die Berge des Leitzachtales zieht: „Hier wohnt keine Sorge! Wie klein, wie wenig und nichtig ist alles unter mir! Und das München dort! Ich mag nicht hinabsehen, mich an deine Sorgen, an deine Klagen, an deine ermüdenden Freuden erinnern.“ Daran hat sich bis heute nichts geändert.