Vom Reichtum des Unkrauts

Fischbachau:
Vom Reichtum des Unkrauts
Bei Veronika Bernlocher ist für alles ein Kraut gewachsen
Ein feiner Duftfaden liegt über der weichen Hügellandschaft, zu der die schroffen Felsgipfel der Voralpen bei Fischbachau zerfließen. Er lockt an den Waldrand, wo der Bärlauch seine fleischigen Blätter durch die braune Erde bohrt, und weiter über die Hundhamer Wiesen, in denen Huflattich und Löwenzahn wuchern. Vor einem Hof in Schreiern bauscht er sich zu einer frischen Wolke auf und schmiegt sich schließlich satt in die Hände einer zierlichen Frau Mitte 50, die dort auf der Bank sitzt und knisternd Blätter von getrockneten Stängeln streift.
Die Frau ist Veronika Bernlochner, Hausherrin des Wohlschlagerhofes und zertifizierte Kräuterpädagogin. Der intensive Duft ist der von Zitronenverbene, wie die Kräuterfrau gerne erklärt. Ob dem Gast ein Tee recht wäre? Natürlich!
Inmitten von fruchtigem Beerenaroma und Zitronenduft erzählt Veronika Bernlochner, wie sie, die gelernte Arzthelferin, auf den Wohlschlagerhof und zu den Wildkräutern kam.
Sie hat in den 160 Jahre alten Hof eingeheiratet, was für sie wie der Wurf ins kalte Wasser war.
Gefallen hat ihr die Arbeit mit den Tieren von Anfang an. Als aber 1987 Vorschriften viele kleineren Milchbauern in eine Krise stürzten, gaben auch die Bernlochners ihre 16 Kühe auf und machten aus ihrem geräumigen Bauernhof eine urige Bleibe für Urlaubsgäste.
Um im Wettbewerb bestehen zu können, ließen sie sich allerhand einfallen: Etwa die Möglichkeit, wie früher auf der Alm in Heubetten zu schlafen. Die eigens dafür gezimmerte Hütte musste aus rechtlichen Gründen wieder abgerissen werden, doch da hatte Veronika Bernlochner längst einen Schatz ausgegraben, dessen Reichtum unerschöpflich war: das uralte Wissen um die heimischen Kräuter.
Als eine der ersten machte die umtriebige Landfrau vor sieben Jahren die Ausbildung zur Kräuterpädagogin.
Seitdem arbeitet sie in ihrer Küche mit heimischen Kräutern anstatt mit überzüchteten mediterranen Gewächsen aus dem Supermarkt.
Sie führt ihre Urlaubsgäste und andere Wissenshungrige in das alte Wissen ein, wandert mit ihnen zu den Orten mit besonders saftigen Kräutern und leitet sie schließlich in der Zubereitung eines Holunderblütengelees oder einer Giersch-Limonade an. „Besonders reich sind übrigens nicht die üppig gelben Wiesen, die von Löwenzahn strotzen“, gibt Bernlochner einen wichtigen Hinweis. „Gesünder ist der Löwenzahn, der von einer unscheinbaren, ungedüngten Wiese kommt, weil er nicht soviel Stickstoff und dafür mehr gesunde Stoffe speichert, die die Verdauung anregen.“
Noch viel mehr wüsste die Kräuterfrau zu erzählen: Von den Zeiten, zu denen jedes Kraut im Saft steht und geerntet werden sollte. Von den Pflanzen, die zu Unrecht „Unkraut“ geschimpft werden, nur weil sie zuhauf vorkommen. Oder auch von der gesunden, vielleicht sogar heilenden Wirkung bestimmter Kräuter.
Doch Veronika Bernlochner ist zurückhaltend. Als Kräuterpädagogin ist ihr strengstens untersagt, Hausmittelchen öffentlich anzupreisen oder sie gar zu verkaufen. Mit der Aufgabe, das uralte Wissen weiterzutragen, hat sie auch die Herausforderung angenommen, demütig mit den Kräften der Natur umzugehen.
Kräuterführungen mit Veronika Bernlochner auf Anfrage unter Telefon 08028 2376, ab fünf Personen pro Gruppe.