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Von Puppenmöbeln und häuslichem Glück
Fischbachau
Von Puppenmöbeln und häuslichem Glück Die Puppenmöbelmanufaktur Dora Kuhn wird 100 Jahre alt
Puppenmöbel und Puppenhäuser sind Spielzeuge, die einst in keiner Kinderstube fehlen durften.
Und wenn man die Miniaturidylle anschaut, wie die bayerische Sitzecke für die Küche, den Schaukelstuhl für die gute Stube, die gusseisernen Pfannen und die blecherne Teekanne mit den roten Tupfen, die Wandkaffeemühle und die über 250 anderen Minimöbel und Wohnaccessoires, dann erinnert man sich unweigerlich an Kindertage.
Die liebevoll in der Puppenmöbelmanufaktur in Fischbachau von Hand hergestellten und von Hand bemalten Möbel sind im Unternehmeralltag ein hartes Geschäft. „An ihrem Vertrieb lässt sich der gesellschaftliche Wandel ablesen. Besonders der Wertewandel und das Rollenverständnis in den Familien“, sagt Peter Hölzle, Inhaber der Firma.
Längst haben moderne Kommunikationsmedien in die Kinderzimmer Einzug gehalten. Entsprechend bewegt ist die hundertjährige Firmengeschichte des kleinen Familienbetriebs im Leitzachtal.
Die größte Zäsur war ein verheerender Brand, der in wenigen Minuten zum Jahreswechsel 2006 auf 2007 die Manufaktur sowie das Zuhause der Unternehmerfamilie Peter Hölzle und seiner Frau, der Architektin Nicoline Claviez zerstörte. Zwei Jahre campierten sie mit ihren Kindern im Wohnwagen und Gartenhaus auf dem Grundstück. Weder durch Totalfirmenverlust, noch schwere Krankheit und Tod ließen sie sich unterkriegen. Sie bauten die Manufaktur erneut auf.
In der Manufaktur werden wieder Puppenmöbel hergestellt. Dank der Fernsehsendung von RTL 2 „Zu Hause im Glück“, die sich des Schicksals der mutigen Unternehmerfamilie annahm und mit deren Hilfe innerhalb von acht Tagen das Dachgeschoß ausgebaut sowie eingerichtet wurde, gibt es im Dachgeschoss des Hauses auch wieder eine wunderbare Privatwohnung für Peter Hölzle und seine Familie.
Begonnen hat alles auf wundersame Weise Im Jahre 1912 in München. August Kuhn, der Urgroßvater von Peter Hölzle, war damals Hausmeister im Warenhaus Oberpollinger (später Karstadt). Für seine Tochter Anna baute er zu Weihnachten Puppenmöbel, bemalte sie hellblau und verzierte sie ganz nach Art bayerischer Bauernschränke mit Blümchen.
Das gefiel nicht nur der Tochter, sondern auch dem Besitzer des Warenhauses, Herrn Oberpollinger. Er gab eine hohe Stückzahl in Auftrag und die Puppenmöbelmanufaktur war aus der Taufe gehoben.
Der erste Firmensitz befand sich bis 1919 in München Isartorplatz 1. Später kaufte sich die Familie ein Haus mit Werkstatt zwischen Schliersee und Hausham an der Schlierach. Die Werkstatt entwickelte sich schnell zu einer Spielwarenfabrik. Dann kam die Rezession. Das Geschäft ging in den Jahren 1929 bis 1932 zurück.
Franz Kuhn, Peter Hölzles Großvater, übernahm es mit 25 Jahren und konnte es dank Mitgift seiner aus Leipzig stammenden Frau Dora Kuhn erhalten. Die Familie zog mit der Firma nach Elbach und die Manufaktur firmierte fortan unter dem Namen Dora Kuhn.
Von 1932 bis zu Beginn des zweiten Weltkrieges waren wieder Spielzeuge gefragt. 30 Mitarbeiter waren zu dieser Zeit in der Manufaktur beschäftigt und die Produktpalette umfasste auch Holzautos und Lastwagen. Franz Kuhn wurde eingezogen und 1947 kam er verletzt und als gebrochener Mann zurück. Der Tod seines Sohnes traf die Familie schwer und in den 1950er und 60er Jahren ernährte die Manufaktur gerade so die Familie.
Heinrich Hölzle, ein Schreiner aus Schwaben, heiratet in die Firma ein. Seine schwäbische Geschäftsnatur ebenso wie die Wirtschaftswunderzeiten verdreifachten in nur knapp drei Jahren den Umsatz. 1968 konnte ein neues Grundstück erworben und die Firma erweitert werden. Es ging bergauf. Die blaue Möbelserie, die einst Firmengründer August für seine Tochter zu Weihnachten herstellte, war in Deutschland in jedem Spielwarengeschäft erhältlich.
Die Familienminiaturwelten aus Fischbachau wurden containerweise nach Amerika verschickt und an große amerikanische Kaufhausketten verkauft. Bis 1996 hielt der Boom an. Im Haus waren 20 Mitarbeiter beschäftigt und 30 Heimarbeiter sowie Außendienstmitarbeiter gab es.
Dann hielten Computerspiele in die Kinderzimmer Einzug. Puppenhäuser und Familienidylle waren nicht mehr nachgefragt. Das Geschäft brach rapide ein, die Mitbewerber gingen Konkurs, nur die Puppenmöbelmanufaktur in Fischbachau überlebte dank geschickten Managements - bis zum Brand kurz nach dem Weihnachtsgeschäft am Ende des Jahres 2006.
Zwei Jahre lebte die Familie im Wohnwagen. Nicoline Claviez erkrankte schwer. Ihre Mutter verstarb auf dem Gelände im Nebengebäude. Dennoch, keiner gab auf.
Im Jahre 2007 begann der Bau des neuen Hauses. Erst die Manufaktur, denn die sorgte für Arbeit und für den Lebensunterhalt. Für den Ausbau einer Wohnung im Dachgeschoss fehlte das Geld. Der erste Anruf bei den Hölzles im Jahre 2010 brachte das Glück ins Haus. Der Fernsehsender RTL 2 teilte der Familie mit, dass sie die Ausschreibung zur Teilnahme der Sendung „Zuhause im Glück“ gewonnen hätten.
Die Produktion in der Manufaktur läuft seit dem Jahre 2009 bereits. Peter Hölzle und Nicoline Claviez bestreiten sie allein. Drei externe Mitarbeiterinnen unterstützen sie. Christel Hölzel ist zuständig für kunstvolle Möbelmalerei.
280 Artikel gibt es wieder: Puppenmöbel, so präzise hergestellt wie sonst nur im Werkzeugbau gearbeitet wird, sowie die winzigen Tellerchen, Bestecke und vieles mehr. Mit den Puppenmöbeln schicken die Firmeninhaber ein bisschen Glück vor allem an die Kinder von einst in die Welt. Denn die meisten Kunden, sind mittlerweile Sammler der Kinderspielzeuge, die einst ihre Kinderherzen erfreute.
Die Auftragsbücher füllen sich langsam wieder. Und das 100ste Firmenjubiläum kann Anfang 2012 begangen werden.
Infos unter www.dora-kuhn.de. Hauptstraße 34, Fischbachau, Telefon 08028-715 |
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