Älteste Lederhose Bayerns

Tief durchatmen! Da liegt sie - auf der Ahornplatte des Stubentischs. Die „Urhose“, die Hose des ersten offiziellen Trachtlers in Bayern – und natürlich auch der Welt! Die Hose von Kaspar Reiter aus Bayrischzell. Der war im Jahre 1883 die Nummer eins auf der Mitgliederliste des ersten Trachtenvereins der Welt.
Stolz schaut Klaus Pritzl in die Runde, und streichelt fast zärtlich über das brüchige Leder: „Die Hosn, wenn erzähln könnt… - de muss ma in Ehren halten“, der Ehrenvorstand des Trachtenvereins Bayrischzell besitzt die älteste Lederhose im Oberlandler Gauverband. Sage und schreibe 117 Jahre ist das gute Stück alt. 1883 wurde sie genäht, für den ersten Trachtenverein der Welt, auf den alle Trachtenvereine Bayerns zurückgehen. Denn tatsächlich ging die bayerische „Trachtenbewegung“, die heute 300.000 Mitglieder zählt, in der kleinen Ortschaft unterm Wendelstein los. Und – ohne es zu ahnen – wurde damals eine Lawine losgetreten.
Damals waren kurze Lederhosen im Oberland fast verschwunden, erzählt die Gründungslegende aus Bayrischzell: „Zu Anfang des Jahres 1883 saßen an einem Sonntag abends fünf bis sechs Burschen von der Zell, darunter auch der damalige Lehrer Vogl gemütlich wie immer bei einem Glas Bier beinander. Im Laufe der Unterhaltung kamen sie auch auf die hiesige kleidsame Tracht zu sprechen und wie dieselbe bereits im Verschwinden sei. Denn man sah nur noch einen Jäger und diesen höchst selten in kurzer Hose einhergehen. Im Laufe des Gesprächs kamen sie nun so weit, dass Herr Lehrer Vogel sagte, wenn er nicht allein wär‘ würde er sich sofort eine solche Hose kaufen, nur damit diese schöne kleidsame Tracht nicht ganz und gar verschwinde. Die fünf Burschen, ermutigt durch die Rede des Herrn Lehrer erklärten sich einer nach dem anderen bereit, sich eine kurze Hose zu kaufen. Auf einmal sagte Lehrer Vogel ganz dreist: „Wissts wos, gründt ma an Verein“.
Einer dieser Burschen war eben Kaspar Reiter. Graustaubig, abgewetzt, verschlissen liegt seine Lederhose auf dem Tisch. Sie sieht kaum anders aus, als andere alte Hosen und doch erzählt sie etwas Besonderes: Denn sie erzählt von der Beharrlichkeit und der tiefen Traditionsverbundenheit der Menschen im Oberland. Vergleicht man eine heutige Lederhose mit dieser alten, dann fällt auf, dass es keinen Unterschied gibt. Machart, Stickerei und Schnitt sind identisch. Noch heute werden die Lederhosen der Trachtenvereine genauso gefertigt wie 1883 für Kaspar Reiter und seine Kameraden. Die Muster sind die gleichen: Eichenlaub und Gämsen in Grün oder Gelb auf dem dickem Hirschleder. Die Leitzachtaler denken gar nicht daran, irgendetwas zu ändern. Keine Landhausmode, kein Trend konnte hier etwas verbiegen. „Treu dem guten alten Brauch“ ist der Leitspruch der Trachtenvereine und daran halten sie zäh fest.
Die Tracht ist kein Lifestyleprodukt, keine Einwegware für Oktoberfestbesucher, sondern gelebte Kleidungskultur mit einer langen Tradition. Dass die Tracht in Bayern heute noch so lebendig ist, dass hunderttausende Männer in Bayern Lederhosen besitzen, das ist den Bayrischzellern von 1883 zu verdanken. Und übrigens auch König Ludwig II. Der „Märchenkönig“ war von den Bayrischzeller Trachtlern so begeistert, dass er 1886 einen Erlass an alle oberbayrischen Bezirksämter schrieb, in dem er forderte, dass in allen Gebirgsgemeinden sofort „Gebirgstracht-Erhaltungsvereine“ gegründet werden sollten. So gesehen ist die Ehrfurcht von Klaus Pritzl durchaus verständlich, wenn er über die alte Hose streichelt und sagt: „De Hosn muss ma in Ehren halten“.