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Interview



„Solange ich atme“

- die Reiseschriftstellerin Carmen Rohrbach über Mauerfall und Freiheit

 

Sie sind Deutschlands bekannteste Reiseschriftstellerin, haben viele Bücher über ihre Reisen unter anderem in die Mongolei, Namibia, Spanien, den Jemen, aber auch über die Isar geschrieben. Derzeit sind Sie auf Lesereise mit einem anderen Thema. „Solange ich atme“ heißt das Buch, in dem Sie über Ihre Flucht aus der ehemaligen DDR über die Ostsee im Jahre 1974 schreiben und die Ihnen zwei Jahre Haft einbrachte, bevor Sie in den Westen gehen durften. Warum dieser eher spirituell wirkende Titel?

Das ist ganz einfach. Den Titel macht der Verlag. Ich darf Vorschläge unterbreiten. „Flucht aus dem Paradies“, lautete mein Vorschlag. Mir gefiel die Ironie darin. Denn man hatte uns in der DDR immer gesagt, hier sei das Paradies. Es ist paradox aus einem Land, in dem es angeblich paradiesisch zugeht, zu fliehen. „Ich wollte frei sein“ – das  war der Wunschtitel des Verlags. Er gefiel mir aber nicht, denn das klingt trotzig und kindlich, dafür ist es ein zu ernstes Thema. Auf den jetzigen Titel haben der Verlag und ich uns schließlich geeinigt und inzwischen finde ich ihn recht treffend.

 

 

Was verbinden Sie mit dem Begriff Freiheit?

Ich habe mich schon immer frei gefühlt, Dinge zu tun, die ich will, schon als Kind. Das war für meine Familie oft schwer zu ertragen, aber ich habe mich durchgesetzt. Ich studierte Biologie, um auf Forschungsreisen zu gehen. Das durfte ich nicht wegen meiner Westverwandtschaft. Gut, dachte ich, dann lebe ich nicht im richtigen Land. Allerdings war ich bis dahin noch überzeugt davon, dass die DDR  ein positiver Staat ist,  und dass es egoistisch von mir sei, das Land zu verlassen. Ich bin wegen meiner Berufung geflohen. Das Gefängnis war dann so eine Art negatives Abenteuer, ein Ausflug in die Hölle für mich. Es war eine schlimme Erfahrung zu erleben, wie mit den Gefangenen umgegangen wurde.  Das positive DDR-Bild war eine Lüge, lernte ich.

 

 

Nach all den Jahren lebt anlässlich des Jahrestages 20 Jahre Mauerfall ihre Vergangenheit wieder in der Gegenwart auf. Wie ist das für Sie?

Die Vergangenheit ist für mich immer gegenwärtig. Ich lebe damit. In einem positiven Sinne. Für mich ist es sehr schön einen Lebensbogen von der Vergangenheit zur Gegenwart zu ziehen. Die Vergangenheit ist nicht schmerzvoll, da ich darüber schreiben und sprechen kann. Ich betrachte sie aus dem Licht der Gegenwart.

 

 

Was verbindet Sie heute noch mit dem Teil Deutschlands aus dem Sie 1974 geflohen sind?

Familienbande und Erinnerungen an die Kindheit und Jugend. Ich bin die einzige aus meiner Familie, die weggegangen ist. Einmal im Jahr besuche ich meine Mutter und Geschwister, sowie deren Freunde und Bekannte. Und ich habe in Leipzig noch eine gute Freundin, mit der ich zusammen studiert habe. Ich werde dort herzlich aufgenommen und erfahre auf diese Weise etwas über die Befindlichkeiten der Menschen.

 

 

Stichwort Befindlichkeiten. Wie erleben Sie die Menschen heute?

Ich weiß, viele Menschen in Ostdeutschland empfinden sich als Verlierer. Das bestätigen wohl auch Umfragen. Allerdings in meiner Familie  und  deren Freundeskreis kenne ich niemanden, der sich die DDR zurück wünschen würde. Meine Geschwister, deren Kinder und ihre Bekannten profitieren von der Maueröffnung. Sie können sich selbst verwirklichen, in ihren Berufen entwickeln und Dinge tun, die früher nicht möglich waren, zum Beispiel  sich eine eigene Meinung bilden, offen reden und reisen.

 

 

Sie selbst reisen zu Fuß. Warum?

Das hängt mit meinem Freiheitsbegriff zusammen. Komfort macht unfrei. Schauen Sie sich die Nomaden oder Beduinen an, zum Beispiel in der Mongolei und im Jemen. Die reisen einfach los mit Pferd oder Kamel und nehmen nichts mit, keinen Proviant, gar nichts. Die vertrauen darauf, dass sie unterwegs jemand beköstigt. Bei meinen Reisen versuche ich, wie die Menschen dort zu leben, indem ich zum Beispiel  in der Mongolei mit einem Pferd unterwegs bin. Zu Fuß zu reisen, heißt auch langsam unterwegs sein, genauer zu sehen und wahrzunehmen. Das ist für mich als Forscherin sehr wichtig. Wenn ich mir ein Fahrzeug miete, dann bin ich unfrei und abgelenkt mit Gedanken an die nächste Tankstelle oder daran wer mein Auto reparieren könnte, wenn es den Dienst versagt. Wenn ich auf weiten Strecken unterwegs bin, begleitet mich ein Esel, ein Kamel oder ein Pferd für den Transport des Wassers und der Nahrung. Das Tier ist dann ein guter Gefährte und es geht noch langsamer voran, was gut für das Sehen ist.

 

 

Carmen Rohrbach liest  am 20. November, 20 Uhr in Miesbach im Waitzinger Keller aus ihrem Buch „Solange ich atme“. Weitere Infos über ihre Reisen und Bücher unter www.carmenrohrbach.de

 

 

 

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